25 Jahre Gymnasium Altenholz
1971 - 1996
Der folgende Artikel stammt von Karsten Wulff, der bis zu seiner Pensionierung im Juni 2000 stellvertretender Schulleiter war.
Der Artikel erschien im Mai 1996 in der Schulzeitung "FORUM" Nr. 21, S. 11 - 28 im Rahmen des 25-jährigen Bestehens der Schule:
Rund ums Forum
Ausgangssituation -
So ist es der geneigte Leser gewohnt: Der FORUMS-Beitrags-Reigen wird eröffnet mit einer Chronikübersicht, die das letzte Schulhalbjahr erfasst und in lockerer Reihenfolge die Topereignisse präsentiert.
Diesmal wurde dem Chronisten eine erheblich größere Bürde aufgehalst: Er soll das nämliche Verfahren aus Jubelgründen auf die gesamte 25jährige Schulgeschichte anwenden. So hat er's denn versucht und lässt - in zugegeben einigermaßen kunterbunter Folge - Schwerpunkte des Vierteljahrhunderts Altenholzer Gymnasialpädagogik Revue passieren:
Ab origine -
Wie alles anfing: Es ist ja viel länger her als 25 Jahre, dass die Rede von einem Gymnasium nördlich des Kanals anhub: Am 28.11.1961 (!) überlegte der damalige Bürgermeister der Gemeinde Altenholz Edgar Meschkat zum ersten Mal öffentlich, ob es nicht sinnvoll sei, „die Mittelschule Stift so zu bauen, dass ein späterer Ausbau zur Oberschule möglich" sei. Zwei Jahre später sprach der Schulausschuss des Altenholzer Gemeindeparlaments erstmalig eine Empfehlung aus, ein Gymnasium am Ort zu gründen. Das gute Ding wollte dann aber doch noch rechte Weile haben. Die Zahl der Schüler-Pendler aus dem Dänischen Wohld, die gymnasiale Bildung nur in den Schulen der Stadt Kiel tanken konnten, musste erst erheblich größer werden, der Kreis Rendsburg-Eckernförde musste zur Trägerschaft erst überredet, das Land Schleswig-Holstein zur Zustimmung bewogen werden (denn es sollte ja die Lehrkräfte bezahlen).
Nun war die damalige Zeit, was den Bildungsbereich anging, geradezu hochexplosiv: und so entwickelten sich die Dinge dynamisch.
Der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein hält die Eröffnungsrede
Am Mittwoch, dem 25.8.1971, um 9.30 Uhr, eröffnete der damalige Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg feierlich den Unterrichtsbetrieb in Altenholz-Stift. 280 Schüler in acht Klassen (vier Sexten, zwei Quinten, zwei Quarten) und ganze zwölf Lehrer/innen bildeten die gymnasiale Basis. Gründungsdirektor Hans-Jörg Schulz-Luckenbach bei der Eröffnung: „Die Vergangenheit kennen, die Gegenwart verstehen, die Zukunft bewältigen, das werden wir unsere Kinder zu lehren haben." So fing es denn an; am ersten Tag gab es Blasmusik und Erbsensuppe; die Gemeinde Altenholz hatte damals 6800 Einwohner, und Unterrichtsbeginn war immer erst um 8.15 Uhr.
Baugeschichte(n) -
Die Geschichte mit dem Bauen begann erst, als der Schulbeginn schon Geschichte war. Das Gymnasium genoss zunächst Gastrecht in dem Gebäude, das später einmal Realschule werden sollte, und unser stolzer Bau wurde erst am 1.2.1972 in Angriff genommen. Als man im September Richtfest feierte, stand in den KN zu lesen: „Schon jetzt ist zu erkennen, dass hier nicht nur ein zweckmäßiges, sondern auch schönes Gebäude entsteht." Nun ja, es gibt sicher weniger attraktive Schulbauten ...
Unsere Turnhalle war übrigens eher bezugsfertig und bespielbar als das Schulhaus, so dass das Publikum zur Einweihung am 13.2.1973 in Anwesenheit des damaligen
Kultusministers ein Fußballspiel von hoher Warte aus besichtigen konnte (eine Tribüne hatte die Gemeinde zusätzlich gestiftet!): Gegner waren Auswahlmannschaften der Gemeinde und des Kreises; und einer der hervorragenden Kämpen war der damalige Kreisverwaltungsdirektor Bellmann!
Fußball mit Herrn Bellmann (4. v.l.), Herrn Voß (5. v. l.) und Herrn Buhr (7. v. l.)
Ein Handballspiel gab es auch: der THW Kiel(Bundesliga) besiegte den TSV Altenholz (damals Oberliga) mit 22:18.
Im August 1973 folgte dann der stolzgeschwellte Einzug ins neue Gebäude. 20 Klassen- und elf Fachräume öffneten sich für 620 Schüler und 31 Lehrer. (Im gleichen Jahr übrigens wurden im Kreis RD-ECK zwei weitere Gymnasien gebaut, ein beredtes Beispiel dafür, wie großzügig die öffentliche Hand damals den Bildungssektor streichelte ...). Die weiteren Stationen: Im April 1974 sind die Außenanlagen fertig. Zitat aus den KN vom24.4.1974: „Die Eltern begrüßen besonders, dass oben an der Straße auch eine Standspur angelegt worden ist, eine Weiche, in die gefahren werden kann, um die Kinder abzuholen." Es müssen 1974 noch wahrhaft idyllische Verkehrsverhältnisse geherrscht haben!
Zum Schuljahresbeginn 1974/75 erfolgt die Einweihung des 2. Bauabschnitts, angesichts des rasanten Anstiegs der Schülerzahl ein äußerst notwendiges Unterfangen.
Zur Einweihung des 2. Bauabschnitts im September 1974 hält Kultusminister Braun die Rede
Zum Bauumfang gehörte auch das damals noch 'Pädagogisches Zentrum' genannte Forum. Am 25.8.1976 dann Übergabe des 3. Bauabschnitts (unser `Sextanertrakt'), am 19.8.1982 Übergabe des 4. Bauabschnitts (zusätzliche Verwaltungsräume und Erweiterung des Lehrerzimmers), beide Bauabschnitte übergeben durch Landrat Bellmann. 1985 gab es einen neuen Rasensportplatz; und momentan findet gerade die letzte bauliche Heldentat statt: die neue Schulbibliothek. Und wer wird am 14. Juni 1996 feierlich das Band durchschneiden? Richtig: Landrat Bellmann! Fürwahr Ausdruck einer langfristigen Beziehung!
Elternsorgen -
Diese waren ja die eigentliche Triebfeder bei der Propagierung eines Gymnasiums nördlich des Kanals. Ziel war die Vermeidung langer Fahrtwege. Eltern(für)sorge sollte das Wachsen und Gedeihen der jungen Bildungsanstalt fortan begleiten. Am 14.9.1974 schritt man zur Gründung der 'Fördergesellschaft', jenes segensreichen Vereins, der so vieles 'außer der Reihe' möglich macht. Anfangs wurde er lange Jahre von Herrn Harald Traxel geführt, später übernahmen Herr Prof. Josef, Herr Saeger, dann Herr Dr. Caliebe diese Rolle, und gegenwärtig übt Herr Dr. Salomo das Amt des Vorsitzenden aus. Die augenblickliche Mitgliederzahl dieser Sponsorenvereinigung beträgt 460. Bei einer Schülerzahl um 650 erscheint sie durchaus steigerungsfähig. Vielleicht bietet ja gerade unser Jubiläum und die damit nachgewiesene erste Patina die Gelegenheit für einige Zögernde, sich ebenfalls anzuschließen (s. auch S. ).
Auch beim Vorsitz des Schulelternbeirats gab es natürlich Fluktuation. Gründungs'vater' war Herr Rolf Stegemann; seine Nachfolger waren im Laufe der Jahre Frau Monika Burdinski-Richling, Herr Martin Bürkner und Herr Jürgen Bastians. Heute leitet den Schulelternbeirat Frau Dory Klotz.
Die Eltern unserer Schüler haben sich nicht nur 'nach innen' in der Zusammenarbeit mit dem Kollegium vielfach eingesetzt, sondern, wenn es nottat, auch nach außen kräftig Kante gezeigt, sei es gegen Überhand nehmenden Fluglärm, sei es gegen schlechte Lehrerversorgung.
Extratouren -
Es musste nicht immer die 'Hühnerfarm' sein ... Neben dem normalen Schultrott gab es immer wieder zahllose Gelegenheiten, gewohnte Bahnen zu verlassen und sich im wörtlichen wie übertragenen Sinne anderweitig umzutun. Über Wander- und Studienfahrten zu berichten, würde entschieden zu weit führen; der Chronist möchte nur anmerken, dass die Schule in ihrer Geschichte schon mindestens fünf Fahrtenkonzepte gesehen hat. Der Erwähnung wert sind die Austauschprogramme. Es gab eines mit einer englischen Schule in Wirksworth, das ab 1978 mindestens sechs Jahre lief und die 'Englischen Wochen' in Altenholz heimisch machte. Unser Austausch mit dem Tingvalla Gymnasiet in Karlstad/Schweden ist nicht der erste Draht nach Skandinavien; es gab vorher schon eine Verbindung nach Göteborg. Der dauerhafteste Austausch ist der mit der Ecole de la Croix Rouge in Brest (begonnen 1985), bei dem die intensivsten Verbrüderungen und Verschwisterungen (und kreuzweise) zu beobachten waren. Es ist schon was dran an der deutsch-französischen Freundschaft ...
Die neuerdings von Herrn Weiß (seit Oktober 1993) initiierte Verbindung mit dem Gymnasium Nr. 59 in Kiew (Ukraine) ist sicherlich eine sehr lohnende, wenn auch aus einsichtigen Gründen nur unter besonderem Einsatz zu verwirklichende Beziehung. Ein schönes erstes Ergebnis war die Tschernobyl-Hilfsaktion, und zu unserem jetzigen Jubiläum erwarten wir zum ersten Mal ukrainische Gäste (s. auch S. 49).
Das Jahr 1986 sah eine Exkursion der besonderen Art. Oft waren die Betriebsausflüge des Kollegiums mit mehr oder weniger aufwendigen Rallyes verbunden. Deshalb schrieb Herr Dr. Heinz eine Kollegiumsrallye auf dem Forum Romanum aus.
Die Kolleg/inn/en wollten sich dieselbe nicht entgehen lassen, und so entstand eine Studienreise in die klassische Antike während der Osterferien, die wegen des großen Erfolgs zwei Jahre später wiederholt wurde.
Unter 'Extratouren' kann man auch die Veranstaltungen verstehen, die den gewöhnlichen Unterrichtsrahmen sprengen, und auch daraus soll eine kleine Blütenlese verabreicht werden. Es gab z.B. einmal eine Zeit, da wurden Weihnachtsfeiern von allen Schülern als etwas Selbstverständliches betrachtet und angenommen (Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre). Daran versuchen wir gegenwärtig in der Orientierungsstufe vorsichtig wieder anzuknüpfen.
Aufsehen erregende Veranstaltungen, die meistens auf fächer-, klassen-, kurs- und kollegenübergreifenden Aktivitäten beruhten, wurden einesteils zu Gedenktagen für große Persönlichkeiten (Goethewoche November 1982, Luthertag November 1983), andererseits aus politischen Anlässen in Szene gesetzt. Zu erinnern ist an das bunte Programm zur ersten Europawahl (9.6.1979) oder an die Gedenktage 17. Juni (1983) und 8. Mai ('Der sperrige Gedenktag' 1985). Unvergessen sind in diesem Zusammenhang die beklemmenden Schilderungen eigener Erlebnisse am Kriegsende durch die Kollegen Schulz-Luckenbach, Borck und Gutsche.
Fieberkurven -
Am Auf und Ab der Schüler- und Abiturientenzahlen lässt sich nicht nur Schul-, sondern auch Zeitgeschichte ablesen. Ein paar Eckpunkte dieses Zahlenwerks: Die Wachstumssprünge waren am Anfang gewaltig. Nach dem Beginn 1971 mit 280 Schülern in drei Klassenstufen mit zwölf Lehrkräften gab es schon im folgenden Schuljahr einen zusätzlichen Schub von 192 Schülern (in fünf Sexten - bei anfänglich geplanter Dreizügigkeit). Im darauf folgenden Jahr musste man bereits aus Personal- und Raumnot von 204 angemeldeten Sextanern 16 aus dem Kieler Stadtgebiet abweisen. Die durchschnittliche Klassenstärke in den Sexten betrug 39. Es wurde klar, dass das gerade erst entstehende Schulgebäude beim Einzug bereits zu klein sein würde. Während die Basis derartig in die Breite wuchs, blieb die Spitze naturgemäß schmal, so dass die reformierte Oberstufe mangels Masse mit zweijähriger Verzögerung erst 1977 eingeführt werden konnte. Beim ersten Abitur 1978, in dem Jahr, in dem wir das Kürzel 'i.E.' verloren, hatten die beiden Oberprimen 12 bzw. 15 Absolventen, und auch 1979 waren es mit insgesamt 30 nicht viel mehr.
Im Schuljahr 1979/80 verzeichnet die Liste des Kollegiums schon 81 Mitglieder; die durchschnittliche Klassengröße betrug 34, und bei der Abi-Entlassungsfeier im Jahre des zehnjährigen Jubiläums 1981 machte sich der Schulleiter in der Festrede vorwiegend Gedanken darüber, wie man in einem Massenbetrieb mit 1140 Schülern und 83 Lehrern das Problem des Miteinander auf menschliche Weise lösen könne. Die Abiturientenzahlen Anfang der achtziger Jahre überstiegen oft die Hunderter-Grenze, und es gab bei der Zeugnisüberreichung auf dem Podium ein rechtes Gedrängel. In den späten achtziger und frühen neunziger Jahren sanken die Absolventenzahlen auf etwa 80 bzw. 60 (1990 brachten wir den tausendsten Abiturienten hervor!). Im Jahre 1995 erreichten wir mit 43 Abiturienten den tiefsten Punkt der Kurve und steigen jetzt wieder an (1995: 63 Abiturienten).
Freundeskreis -
Unser Gymnasium ist ein Kreisgymnasium, d.h., das Geld für seine 'sächliche' Ausstattung kommt im wesentlichen vom Kreis Rendsburg-Eckernförde. Es heißt ja immer, dass beim Gelde die Freundschaft aufhöre, wenn man jedoch überblickt, mit welchem Aufwand und Engagement der Kreis unser Bildungsinstitut aufgebaut und fortlaufend bedacht hat, so kann man schon von sehr freundlicher Behandlung sprechen. Das jüngste Zeichen der Zuneigung ist die neue Bibliothek, die wir zum Jubelanlass eröffnen werden. Freilich ist nicht zu verkennen, dass nach dem reichlichen Geldfluss in den Anfangsjahren in jüngerer Zeit als Ergebnis der allgemeinen wirtschaftlichen Situation der Strom doch allmählich eher einem Rinnsal ähnelt. Ein erstes Zeichen für enger werdende Spielräume war die Kürzung für Lernmittel um 21% im Haushalt 1984. Es begannen (wie überall) die mageren Jahre. Als im November 1992 zum ersten Male ruchbar wurde, dass der Kreis erwog, seine Gymnasien in die Trägerschaft der Gemeinden zu übergeben, setzte unser damaliger Schulleiter auf seinem Schreibtisch den Kreisstander auf halbmast. Nun ist es in der Tat so, dass die Beiträge, die die Gemeinde Altenholz für jeden Schüler an den Kreis bezahlen muss, inzwischen so hoch sind, dass eine Übernahme des Gymnasiums in eigene Trägerschaft durchaus realistisch erscheint. Und es ist auch ein offenes Geheimnis, dass über die Modalitäten eines solchen Wechsels derzeit Verhandlungen laufen; das Ergebnis kennt jedoch noch keiner. Uns als Schule würde ein Wechsel der Vaterschaft auch keinesfalls schrecken, denn unser Verhältnis zur Kommune Altenholz ist seit langer Zeit durch Nähe und vertrauensvolle Zusammenarbeit geprägt, womit wir beim nächsten Punkt wären:
Gemeindearbeit -
Die erste gute Tat der Gemeinde Altenholz war die Hergabe des Grundstücks für den Schulneubau 1971 und die Überlassung des Realschulgebäudes für die ersten Jahre. Beim Bau der Turnhalle half sie kräftig mit, und auch sonst hat der damalige „König-vonAltenholz"-Bürgermeister" Meschkat häufig sehr intensiv Anteil genommen. Diese Anteilnahme war nicht immer konfliktfrei. So gab es einmal einen heftigen Leserbriefkrieg, als Herr Meschkat den Sportunterricht des Gymnasiums kritisieren zu müssen glaubte (Zitat: „Ein Schüler macht Hochsprung, und 30 stehen rum" - Januar 1975). Mit dem Vorsitzenden des TSV Altenholz (ebenfalls Bürgermeister Meschkat) kam es zu Rangeleien um die Sporthallenzeiten. Solche Trübungen aber gingen vorüber, und im Laufe der Jahre kam es zu immer mehr Berührungen. Unsere Schule nutzte die Gemeindeverwaltung als Studienobjekt bei Projekttagen oder für den politischen Unterricht, die Gemeinde unser Forum als Veranstaltungsort. Bürgerinitiativen fanden für ihre Anliegen bei uns ein Dach (es gibt viele Beispiele dafür); die Schauspieltruppe `Pünktchen' führt im Forum regelmäßig ihr Weihnachtsmärchen auf. Auch die Kirchengemeinde nutzt unsere 'Bühne' oft für Aufführungen ihrer Jugendgruppen.
Einen Höhepunkt dieser Zusammenarbeit stellte sicherlich unsere Ausstellung im Februar
1988 dar: „Altenholz - Werden und Wachsen einer Gemeinde".
Die Ausstellung über Altenholz im Forum
Dort wurden alte Flurkarten und Luftbilder gezeigt, Siedlungsformen von der Kate bis zum Reihenhaus dokumentiert, per Foto Vergleiche zwischen Einst und Jetzt gezogen, Lebensläufe Altenholzer Bürger nachge-zeichnet und kommunale Probleme bis zum Jahr 2000 aufbereitet. 'Fugaces anni volvuntur' (Horaz) - frei übertragen: 'Kinder, wie die Zeit vergeht!' Die erarbeiteten Materialien wurden anschließend Bestandteil des Gemeindearchivs.
Die kulturelle Zusammenarbeit manifestierte sich außerdem in Veranstaltungen wie Musical_Darbietungen im Rahmen der Altenholzer Partnerschaft mit der dänischen Ge-meinde Aabybro im Forum (1994 und 1995) und in der Teilnahme des Gymnasiums am `Bunten Abend' der Altenholzer Festtage u. a. mit dem Mini-Musical `De Groffsmid' und dem Sketch `Platt un Latiensch' am 18.5.1995.
Innenleben -
Den innersten Zirkel des schulischen Mikrokosmos bildet zweifellos das Kollegium, welches abseits der Dienstgeschäfte oft ein recht eigenwilliges Eigenleben entfaltet. Zu Beginn war die Situation geradezu intim. Beim ersten Adventskaffee konnte es sich der Direktor noch leisten, jeder kollegialen Dame eine langstielige Rose zu überreichen. Die ersten Kollegiumsfeste fanden wegen der überschaubaren Zahl in enger Kooperation mit den Pädagogen von Grund- und Realschule statt. Die Lehrenden waren in den Wachstumsjahren noch jung und feiersüchtig; es gab nächtliche Strandpartys und Faschingfeste (zu denen SL standesgemäß in weißer Galauniform erschien). Der Charakter der internen Feiern hat sich mit fortschreitender Reife (Durchschnittsalter heute: 50,6 Jahre) ein bisschen geändert; geblieben ist die Fähigkeit, sich bei solchen Anlässen selbst geistreich auf den Arm zu nehmen. 1978 feierte man im Drathenhof ein 'Niveaufest'. Gerade war die gymnasiale Studienstufe ein-geführt worden, und der Chronist erlaubt sich, aus einem als Festbeitrag dargebotenen „Kursangebot der Lehrkräfte" zwei Beispiele zu zitieren:
SL: „Die Domestikation des Gemeinen Meschkaters"
Stew: „Das Rauschgift Nikotin: Verdampft in alle Stewigkeit".
Noch ein Relikt von einem der Kollegiumsausflüge als Beispiel für intensive Geistestätigkeit bei derartigen Fortbildungsveranstaltungen. Von einer Fahrradrallye im September 1982 stammt folgendes Dokument (die Aufgabe war, möglichst viele Kollegennamen in einem Text zu verbraten):
„In Heinzelmännchens Radparade fuhr der Todt mit nicht zu göringem krausem Haar über die Lenkstange gebeugt mit. Es war von Anfang an schwierig: Weiß der Kuckuck, wo's hinterm Kalb rechts ab geht! Schnell! Am langen Feld oder am braunen Rosenbusch vorbei, sonst bleibst ewig stehen und gehst schließlich baden. Hopp, weiter! Eier hätt's auch beim Krämer gegeben, aber nachher ist man immer kluger."
Berüchtigt ist das 'Bohnenkönigtum' der Anfangszeit. Wer von den Kollegen beim gemeinsamen Festmahle in seinem Essen eine vorher versteckte silberne Bohne fand, war dazu verdonnert, im folgenden Jahr sämtliche Kollegiumsfeste auszurichten. Ein Brauch, der für viel Geselligkeit sorgte, bis er einschlief und eine Junta in einer Palastrevolution im Jahre 1982 die Bohnenrepublik ausrief. Von Stund an übernahm der Personalrat die 'Festivative'.
Nun gab es im Kollegenkreise auch Bemühungen ernsthafterer Natur, wenn es um die Bewältigung pädagogischer Gegenwartsprobleme ging. Auf schulinternen Fortbildungsveran-staltungen wurden vielfach aktuelle Themen behandelt, z.B. 1989 'Gymnasium heute', 1994 'Gewalt in der Schule', 1995 'Erste Hilfe', 1996 'Projektunterricht'.
Ein besonderes Markenzeichen des Kollegiums war von Anfang an Multikulturalismus. So hatten wir bis 1975 eine Musiklehrerin original brasilianischer Herkunft mit zugehörigem Temperament (Leida Lucks); und wenn man heutzutage die Kollegiumsliste durchmustert, stößt man auf Vornamen wie Béatrice und Cathérine, ein deutlicher Hinweis auf unsere French connection, sind doch die Namensträgerinnen Original-Französinnen. Einige Lehr-kräfte unserer Austauschschüler haben uns inzwischen so oft besucht, dass sie fast zum Kolle-gium gehören; und kräftige internationale Akzente setzen die jungen Sprachassistent/innen, die alljährlich die pädagogische Landschaft bereichern. Es ist z.B. gar nicht auszudenken, was aus der Lehrerfußballmannschaft ohne die spielstarken britischen Ballkünstler geworden wäre: Peter, lan, Adam, Robby ... Oft hätte man gegen die Abiturmannschaft doch recht alt ausgesehen. Mittlerweile ist eben das Gros des Kollegiums, ebenso wie die Schule selbst, ein bisschen in die Jahre gekommen:
1984 verabschiedeten wir als ersten Kollegen unseren Kunsterzieher Heinrich Krause in den Ruhestand, ein Jahr später folgte ihm sein Fachkollege Horst Kluger. Sie eröffneten den Reigen der Verabschiedungen aus Alters- und fallweise leider auch aus gesundheitlichen Gründen.
Inzwischen sind es insgesamt 15 Kolleginnen und Kollegen, die so ans Ende ihrer Dienstzeit gelangten. Das von der Landesregierung eingeführte 'Planstellenbemessungsverfahren', das für eine gleichmäßigere Verteilung des Mangels im ganzen Lande sorgen soll, hat bisher verhindert, dass die so entstandenen Lücken gestopft wurden. Einige der Kollegen freilich, die uns in den Jahren zurückgehender Schülerzahlen verließen, hatten Anlass nicht nur zu Wehmut, sondern auch zu Freude. Sie stiegen die Treppe hinauf und wurden Schulleiter. Es waren im kurzen Zeitraum von 1988 bis 1991 vier profilierte Lehrer (Dr. Jacobs, Köhnke, Dr. Kiefmann, Pfeifer), die wir auf diese Weise ziehen lassen mussten. Und zwei weitere Stützen ganz anderer Natur hatten wir zu verabschieden: Hausmeister Friedrich 1991 und Hausmeister Gerth, der 1995 aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste. Der `historischste' Einschnitte jedoch war bekanntlich 1993: Gründungsdirektor Schulz-Luckenbach räumte sein Amtszimmer (- und Gründungssekretärin Frau Höger das Vorzimmer).
Bei der Verabschiedung durch Landrat Bellmann bekommt Herrn Schulz-Luckenbach seinen Dienstsessel überreicht
Jubiläumsjubel -
Jubiliert haben wir trotz unserer relativen Jugend schon häufiger. Zum ersten Mal beim zehn-jährigen Jubiläum, bei dem uns Kultusminister Bendixen die Ehre gab. Das 20jährige haben wir etwas tiefer gehängt, wenn nicht fast verschlafen, dafür jedoch im fol-genden Jahr mit einem enorm gelungenen Schulfest einen Nachschlag geliefert: '20+1, wir setzen einen drauf' hieß das Motto, und so war es auch.
Ein deutlicher Einschnitt war dann, wenn auch kein Anlass zum Jubeln, die Verabschiedung unseres Gründungsdirektors Herrn Schulz-Luckenbach, die bei allen wehmütigen Anwandlungen dann doch von Dankbarkeit und souveräner Heiterkeit geprägt war. Nach einer kurzen 'herrschaftslosen' Zeit, in der Herr Wulff die Zügel in Händen hielt, wurde am 27.10.1993 unser neuer Schulleiter, Herr Dr. Wenners, eingeführt. Während dieser Zeremonie wurde er dazu verleitet, während eines Musikstückes die Pauke zu bedienen. In der Pädagogik freilich liegt ihm das Paukenschlag-Prinzip überhaupt nicht.
Katastrophenkette -
Zu diesem Stichwort eine gedrängte Übersicht, die zeigen soll, wie oft das Schulschicksal am seidenen Faden hing:
4.12.72 Explosion zweier Gasflaschen auf der Schulbaustelle.
Schaden: 50000 DM und schulfrei für ca. 1000 Schüler von drei Schulen.
17.2.76 Entweichen von Chlorgas aus einer Flasche im Chemieraum.
Schaden: eine Stunde Unterrichtsausfall.
6.4.76 u.5.12.78 Ausräumen der musikalischen Hi-Fi-Geräte aus der Musiksammlung mit diebischer Hand; Schaden: 18000 bzw. 10000 DM.
Jan. 79 Schneekatastrophe: mehrere Tage Unterrichtsausfall.
23.1.81 Studienrat ohrfeigt Realschüler.
Schaden: heftiges Leserbriefecho.
16.12.82 Einsturz der Westwand unserer Sporthalle durch Sturmböen, gottlob nächtens; Lahmlegung bzw. Beeinträchtigung des Sportunterrichts für zwei Monate.
26.7.83 Knastbruder benutzt unsere Schule als Bruch-Bude: sieben Türen sowie die Amtszimmereinrichtung des Direktors bleiben auf der Strecke; der leere Tresor hält stand.
14.9.83 Heizungsrohrbruch mitten in der Projektwoche.
28.8.84 Feuer mit Bergung Schwerverletzter; beteiligt 50 Feuerwehrleute mit sechs Fahrzeugen, drei Rettungssanitäter, zehn Helfer, ein Krankentransport- und zwei Mannschaftswagen - aber: alles nur Simulation und Übung.
19.3.86 (Ratten-)Giftgasalarm; Unterrichtsende nach der 1. Stunde. Meldung dar-über am nächsten Tag in den KN auf der ersten Seite - gleich neben der Nachricht von der Verlobung Prinz Edwards mit Sarah Ferguson).
9.4.88, mitten in schwarzdunkler Nacht bei Gewitterstürmen, Blitzorgien und Frosch-gequake in den Sümpfen der Poebene: Entgleisung des Schnellzuges Rom - München bei Bologna; an Bord viele Lehrkräfte unserer Schule, die des-wegen nicht rechtzeitig zum Unterricht erschienen (s. Stichwort `Extra-touren´).
20.10.88 650 PCB-haltige Kondensatoren in den Neonlampen werden nach Entdeckung durch findige Schüler in einer zweitägigen Blitzaktion ausgewechselt; Kostenpunkt DM 15000.
19.2. u. Zwei Wetterstürze beim Schnee- und Eiswandertag mit dem Ergebnis je eines
21.2.91 Wadenbeinbruches (Al und Roh).
Schaden: Hohn und Spott von allen Seiten.
15.12.94 Schwelbrand im Zwischengang der Turnhallen durch Brandstiftung: Lahmlegung des Sportunterrichts für einige Tage.
Dauerkatastrophe: Das Dach des Forums, das nicht dichthalten kann und allen Sanierungsversuchen erfolgreichen Widerstand entgegensetzt und so zu immer wieder gern erlebten Tropfsteinhöhlengefühlen führt...
Körperkultur -
Die ersten Übungen waren mühsam (wg. fehlender Infrastruktur). Es dominierten
Freiluftsport und Waldlauf. Wollte man unters Dach, mussten die Klassen per Bus nach Klausdorf transportiert werden. Als die eigene Halle (schneller als erwartet) stand, reiften bald die ersten Lorbeeren. Vom 4.3.75 stammt die erste Meldung über einen 2. Platz der Mädchenhandballmannschaft bei den Schullandesmeisterschaften. Damals traten übrigens die Athleten auch im normalen Sportunterricht in einheitlicher Sportkleidung an. Wäre das nicht ein Brauch, den man im Zeichen moderner corporate identity neu beleben könnte?
Neben dem täglichen Sportunterricht wurden zeitweise etwas exotischer anmutende Sportar-ten betrieben: 1977 existierte eine Skateboard-AG, eine Hockey-AG schwang in den 80er Jahren den Schläger, und 1982 gab es sogar eine Schulsurfmeisterschaft. Eifrig gesegelt wurde schon in jenen Jahren; gegenwärtig erlebt die Segel-AG eine Renaissance. 20 Mädchen und (nur) 6 Jungen bevölkern derzeit die Piraten, die die Segelabteilung des SC Schilksee dankenswerterweise zur Verfügung stellt.
Als keinesfalls exotisch darf man den Ski-Langlauf bezeichnen, denn in ihm hat das Gymnasium Altenholz jahrelang brilliert. Gut vorbereitet durch Trainingslager im Harz oder gar in der Wiege des Langlaufs Norwegen schnitten unsere Jungen und Mädchen sehr achtbar ab. Die größten Erfolge waren acht Landesmeisterschaften und auf Bundesebene ein elfter Platz bei 22 teilnehmenden Mannschaften. Damit stellte unser Gymnasium die beste Flachlandmannschaft. Bürgermeister Dallmeyer zeigte sich beeindruckt und überreichte im Namen der Gemeinde einen Scheck für die AG. So etwas gab es damals noch!
Eine weitere Ehrung konnte der Bürgermeister 1986 vornehmen, und wenn die Athleten älter gewesen wären, hätte er ihnen nach eigenen Worten „am liebsten die Ehrenbürger-schaft" verliehen: Die Jungenhandballmannschaft (WII) war zum zweiten Male beim Wettbewerb 'Jugend trainiert für Olympia' in Berlin Deutscher Meister geworden. Das ist der größte Triumph in der Sportgeschichte der Schule, wobei aber anzufügen ist, dass dies ohne den TSV Altenholz und seinen Trainer sicher nicht erreicht worden wäre.
Die Turnriege der Jungen der Jahre 85/86 braucht sich ebenfalls nicht zu verstecken: Sie errang in Berlin immerhin den 6. Platz, und zu guter Letzt belegten die Tennisknaben des Jahres 1993 (WIII) den 10. Platz bundesweit.
Bei all diesen Glanztaten wurde der Breitensport nie vernachlässigt. Sport- und Spielfeste für alle waren die Regel und sind es noch; Sportlehrer (und SV) sind bemüht, jedes Jahr attraktive Veranstaltungen auf die Beine zu stellen. Dabei scheut man nicht neue Wege: z.B. konnten die Sportler 1994 erstmals einen Cross-Parcours mit dem Mountainbike bewältigen.
Ob die alljährliche Begegnung zwischen Lehrern und Abiturienten im Fußball mehr zur Ka-tegorie Breiten- oder Spitzensport zu zählen ist, sei dahingestellt; Tatsache ist, dass dieses Spiel immer einen Höhepunkt der Abiturfestivitäten darstellt und dass die Siege trotz geradezu beängstigenden Durchschnittsalters der Lehrerseite gleichmäßig verteilt sind.
Ihren absoluten Höhepunkt erreichten die Pädagogenkicker bei der Landesmeisterschaft der Gymnasialkollegien 1992 in Eutin. Sie wurden Dritte (durch Elfmeterschießen). Auch als Volleyballer zählten sie bei den Landesturnieren bis zu Beginn der 90er Jahre zu den Spitzenmannschaften und schafften viele 3. und 4. Plätze - 1984 sogar einen 2. Platz! Der letzte Sieg wurde stets mit List vermieden, hätte man sonst doch das nächste Turnier ausrichten müssen ...
Wechseln wir von der Körper- zur Geisteskultur (aber immer noch unter sportlichen Ge-sichtspunkten!):
Unsere Schachriege lieferte hervorragende Ergebnisse ab: 1995 wurde die Unterstufe Sieger beim landesweiten Nikolaus-Turnier in Neumünster und in diesem Jahr (März 1996) sogar Landesmeister- nicht zuletzt auch ein Ergebnis der Basisarbeit auf den Schachfeldern in der Grundschule. Im Mai wird dann um die Deutsche Meisterschaft gespielt.
Kunst im Bau -
Bei diesem Begriff ist zunächst einmal an die obligatorische künstlerische Ausschmückung neuerer öffentlicher Gebäude zu denken. Bei uns ist es "der Hansing" unter dem Forumdach. Der Künstler selbst beschrieb es als „gleichnishafte kosmische Strahlenzeichnungen, die sich unter dem facettenartigen Glasdach dynamisch räumlich verspannen, ein Kraftzentrum, das die gesamte Halle von oben beherrscht" (KN v. 29.03.74). Wenig später nannte er die Plastik erstmals „Interplanetarische Eruption". Wie es sich für ein modernes Kunstwerk gehört, löste es Streit aus; Zustimmung wie auch Ablehnung wurden laut. Inzwischen ist es offensichtlich irgendwie mit dem Raum verwachsen, nur ab und zu bekam es noch Spott zu hören, z. B. als die Abiturienten des Jahrgangs 85 einen Anti-Hansing auf dem Schulhof zusammenschweiß-ten
Der "Antihansing" des Abiturjahrgangs 1985
oder ein Kollege es in dem Märchen „Vom klugen Hans Jörg, der die Sümpfe am alten Holz trockenlegte" (verfasst zum 60. Geburtstag von SL) respektlos als 'Zickzackzorum' bezeichnete.
Kunst im Bau bedeutet aber auch das Zeigen von Ergebnissen des Kunstunterrichts, woran in der Schulgeschichte wahrlich kein Mangel herrschte. Besonders seit Kunst in Leistungskursen betrieben wurde, häuften sich „ansehnliche" Präsentationen im Hause wie auch außerhalb des Hauses. Ausstellungen im Einvind-Berggrav-Zentrum (erstmals 1985; dann wieder 1988 „Ich und Ich" - Selbstportrait und Selbstdarstellung) oder sogar im Kultusministerium (1989 „Landschaft-Malerei") gaben Zeugnis vom Können der Schüler. Der Raum vor dem Lehrerzimmer verwandelte sich in eine Aktionsfläche der Künstler. 1990 ließ sich der Kunstunterricht eine Woche lang in die Karten schauen. Unter dem Motto „Kun(n)st mal se-hen" wurden in einem breiten Querschnitt 1000 Bilder, entstanden in den verschiedensten Techniken, textile Kunstwerke und Skulpturen dargeboten; daneben liefen ein Karikaturen-wettbewerb, Diaprojektionen und eine Video-Dokumentation. 1993 sorgte eine Ausstellung von Konzeptkunst für Irritation. Eine größere Öffentlichkeit erreichte die Ausstellung „Haus-Baum-Landschaft" (1994) durch Publikation im Offenen Kanal Kiel. Neues-te Errungenschaft: Der "Kunstraum" (R 228), in dem zur Zeit „Raumkunst" inszeniert wird, Werke des jetzigen Abi-Leistungskurses Kunst.
Minimal Music -
Die Vorführungen des Sextaner- und Unterstufenchores sind es wert, in einem eigenen Ab-schnitt gewürdigt zu werden. Seit etwa 15 Jahren fahren unsere musikalischen Nachwuchsta-lente in Kompagniestärke nach Ascheberg ins Schloss, um für ihre spektakulären Auftritte fit gemacht zu werden. Der besondere Reiz dieser Trainingslager liegt in dem `Zusammenspiel' der Kleinen mit ihren Paten aus den älteren Jahrgängen. Häufig konnten nach solchen Intensivkursen die begeisterten Zuschauer im Forum ein kleines Musical beklatschen; so z.B.
1985 Till Eulenspiegel
1987 Max und Moritz
1988 Die Dampflokstory
1990 Die Seefahrt nach Rio
1991 Irre Typen, flotte Sprüche und
Die Bremer Stadtmusikanten
1992 Klassenfahrt in Nöten (selbst erfunden, da die brauchbaren Vorlagen allmählich ausgingen)
1995 De Groffsmid.
Pflänzchenschule -
Was wären wir Lehrer ohne unsere Pfleglinge? Tagtäglich beackern und begießen wir den 'Schulgarten', und manchmal zeitigen unsere Bemühungen unerwartete, oft jedoch die wunderschönsten Früchte. Schön ist es jedenfalls immer zu beobachten, wie unsere Pflänzchen sich entwickeln, Stabilität gewinnen und sich auf ganz eigene Weise entfalten. Ein besonderer 'Wachstumssektor' sind beispielsweise Schülerzeitungen. Das erste - noch namenlose - Exemplar einer solchen taucht in den Akten der Chronik 1973 auf, verfasst von einer Untertertia. Später erschienen Druckerzeugnisse mit mehr oder weniger glanzvollen Namen und Ergebnissen, u.a. 'Fred F.', 'Betonblume', 'Einstein', 'Faust' (1988 mit einem Preis geehrt!) und 'Der kleine Stifter'.
Die Zahl der von der SV organisierten Schulfeste ist natürlich Legion. Faschingsvergnügen, Dschungelfeten, bunte Jahrmärkte,
'Kulturen auf allen Fluren', dazwischen auch mal ein Schulfest mit Konsumschlagseite, dann aber wieder im Jahr darauf explosive Kreativität und originelle Beiträge. Zur Illustration ein KN-Zitat vom Februar 1980 (verfasst übrigens von Herrn Gutsche) zum Fest mit dem Titel `Kleider machen Leute!': „Scheiche und Schurken, Girls und Gentlemen, Lieblichkeiten und Lausejungs, Mönche und Magier flanierten von der Gemäldegalerie zum Gruselkabinett, von der Würstchenbude zum Westöstlichen Diwan, wo man - lässig hingelagert - von hilfreichen Müttern zubereiteten Reis verzehrte, mit Stäbchen, versteht sich."
Pfiffig auch der Schönheitswettbewerb, bei dem verhüllte Lehrkörper ihre entblößten Waden einem überkritischen Schülerpublikum zur Schau stellen mussten (1978), oder der Schlussverkauf: 'Gebrauchte Lehrer gegen neue Sextaner' (1986).
'Schülerstreiche' gibt es eigentlich nur noch nach dem Abitur, und diese Späße gewannen im Laufe der Jahre eine etwas zwiespältig anmutende Steigerung, die in Gigantomanie zu verkommen droht. Ein Jux aber, der auch auf Seiten des Lehrerkollegiums geradezu respektvolle Anerkennung fand: Der generalstabsmäßig geplante und durchgeführte vollständige Austausch zweier Oberstufen in Kooperation mit dem Ernst-Barlach-Gymnasium am 20.6.1986, an dem jeder Pädagoge plötzlich - wie früher in Lehrproben - vor unbekannter Klasse stand.
Die SV hat ein waches soziales Gewissen. Vom ersten Schulfest (November 1973) wird von einer Spende in Höhe von DM 660 für einen Dr. Kaufmann berichtet, der in Peru gute Werke tat; später spendete man regelmäßig für das SOS-Kinderdorf in Lütjenburg. Frisch noch im Gedächtnis ist die Paketaktion für Bosnien ('Schüler helfen Leben') im Mai 1994. Zur Zeit läuft die Tschernobyl-Sammlung. Einen engen Zusammenhang mit diesen humanitären Anliegen haben Aktionen mehr politischen Inhalts. So fanden von politischen Schülergruppen organisierte Podiumsdiskussionen und Informationsveranstaltungen mit unterschied-lichsten Themen statt: Kriegsdienstverweigerung, Bildungspolitik (mit einem veritablen Landesschuldirektor!), Drogenproblematik. Besondere politische Phantasie bewiesen die Untersekundaner, die wochenendenlang gegen die neue OVO und Spar-Bildungspolitik mit Mahnwachen vor dem Landeshaus angingen (1995).
Projektprofil -
Mit dem heißen Terminus 'Projektunterricht', Renner in den neuesten Lehrplänen, hat unsere Schule schon relativ früh geliebäugelt. Als eines der ersten Gymnasien in Schleswig-Holstein veranstalteten wir 1980 die erste Projektwoche (damals noch mit hohem Besuch aus dem Kultusministerium), der 1983, 87, 90 und zuletzt 1995 weitere folgten. Zwar stellte das Angebot immer eine sehr breite Palette dar, auch 'Lustprojekte' hatten durchaus ihren Platz, doch waren wir von Anfang an immer bemüht, den Charakter der Ernsthaftigkeit dieser Unterrichtsform herauszustellen. So erhielten die Projektwochen jeweils besondere Schwerpunkte, z.B. Drogenproblematik, Berufsfindung und Wirtschaft, Erarbeitung einer Ausstellung zur Geschichte der Gemeinde, Umwelt und Energie.
Einzelne Projekttage hatten die Themen: Ausländer (April 1992), Klassenraumgestaltung (mit dem berühmten 'Streifen' - Februar 1994), Suchtprävention und 'Der 50. Jahrestag des Kriegsendes' (8. Mai 1995). Vom Schuljahr 1996/97 an werden Projektkurse im 13. Jahrgang verbindlich. Das Kollegium hat in einer schulinternen Fortbildungstagung begonnen, sich auf dieses Ziel einzustellen.
Und zum Schluss ein 'hauseigenes' Jubiläum. Diese unsere Schulzeitung FORUM erschien 1995 mit ihrer 20. Ausgabe im 10. Jahr.
Sang und Klang -
' Frühlingslieder', 'Sommersingen', 'Hausmusikabend', 'Band-Abend', 'Sternsingen im Ad-vent', 'Weihnachtsmusik' - so lauten die Titel von Veranstaltungen, die sich wie ein roter Faden (oder sollte man besser sagen: wie ein buntes Notenband?) durch die Schuljahre und Chronikakten ziehen. Daneben finden sich immer wieder einem bestimmten Komponisten gewidmete Abende: Schubert (1978), Brahms (1980 und 1987), Bach (1986), Schumann (1989), Haydn (1991), Bartok (1995) und jetzt zum Jubiläum wieder Haydn mit der 'Schöpfung'. Einen anderen Schwerpunkt könnte man in der Aufführung von Messen sehen: von Schubert (in G-Dur und. C-Dur), Haydns Paukenmesse und Mariazeller Messe, das Weihnachtsoratorium von Saint-Saens und die D-Dur-Messe von Dvorak.
Auftritt bei "Kiel singt" im Schloss
Klassisches wurde immer wieder mit Modernem kontrastiert. So ergänzte z.B. den Schu-mannabend vom 17.2.1989 die Killmayer-Komposition 'Schumann in Endenich', die mit modernen Ausdrucksmitteln (über 20 Schlaginstrumente) die Situation des Komponisten an seinem Lebensende darstellt.
Experimentellen Charakter hatte die Vorführung 'Sichtbares in der Musik' vom 13.3.87. Sie gipfelte in der 'Aula-Symphonie', die unser Forum buchstäblich als Klangkörper benutzte und dabei auch das Hansing-Kunstwerk dazu brachte, Töne von sich zu geben.
Die Themenvielfalt und Spannbreite ist enorm; dafür noch einige wenige Belege:
- Musik aus vier Jahrhunderten (1984)
- Motettenkonzert (1985)
- Konzert mit vier Orgeln (1985)
- Von Flötentönen bis zum Saxophon (1987)
- Chormusik der Romantik (1989)
- Liebeskonzert (1990).
Aufführungsstätten waren neben dem Forum (und der Sporthalle) das Einvind-Berggrav-Zentrum der Kirchengemeinde und das Gemeindezentrum Altenholz, häufig die Kirchen in Friedrichsort, Schilksee und Dänischenhagen; 1995 war sogar Sörup das Ziel; dazu kommen Beiträge für 'Kiel singt' im Schloss oder im Stadttheater. Der spektakulärste Auftritt fand zweifellos beim Deutschen Sängerfest 1976 in Berlin statt, wo man mit zwei Busladungen von Jungsängern einfiel und das Chorwerk 'Der kleine Zoo' in einem Krankenhaus so-wie in einer zünftigen Bierkneipe zu Gehör brachte.
'Schulmusiker' Carl Orff wurde besonders liebevoll gepflegt: 1984 Catulli Carmina und zum zehnjährigen Jubiläum die Carmina Burana. Dieses Werk feierte Urständ 1993 zur Verabschiedung des scheidenden Schulleiters, aufgeführt in einer eindrucksvollen Kulisse (der Baustelle einer mittelalterlichen Kathedrale), angereichert mit chorischen Bewegungen und Tänzen. Einen weiteren Bestandteil der Musikszene bilden die Gastspiele 'Auswärtiger'. Bemerkenswert u.a. der Zauberflötenzauber, den Generalmusikdirektor Weise vom Kieler Theater am 3.3.1983 mit einem Bläserensemble bei uns entfaltete, oder die Auftritte von Gesangsschülern des Opernsängers V. Lederer (Januar 1994). Jüngst hatten wir im Rahmen des Bartok-Gedenkkonzertes den 1. Kapellmeister der Kieler Philharmoniker zu Gast (10.11.1995). Ehemalige Schüler, die Musikprofis geworden sind, bereicherten unser musikalisches Programm mehrfach. (Christian Eichhorn, Gitarre, 1985; Karin Gutsche, Blockflöte, 1990; Kaja Fischer, Klavier, 1991; und demnächst Volker Pauken, Bariton). Ebenso erfuhren die Bigband-Bläser oder Rock- bzw. Jazzmusiker wiederholt Verstärkung von außen, so z.B. die Session der 'Kieler Allstars' mit unseren Ehemaligen Harry Kretzschmar und Peter Weise, oder zuletzt der schwedische Import Skare BigBand (23.9.1995).
Unsere Musiklehrer können ein Lied (aber kein schönes) davon singen, was es bedeutet, wenn wieder einmal ein Abiturjahrgang die Schule verlässt, dessen Mitglieder Chor oder Orchester getragen haben. Dann heißt es wieder neu ansetzen und intensive Nachwuchspflege zu treiben. In den Jahren überbordender Schülerzahlen war das sicherlich einfacher, und wenn unser Maestro nicht inzwischen als Frucht jahrelanger Arbeit auf einen festen Stamm von Ehemaligen, Eltern, Kollegen und Freunden zurückgreifen könnte, würde der Klangteppich wohl streckenweise etwas dünne sein.
Selbsterfahrung -
Unterricht kommt meistens von vorne - daher wohl auch der Ausdruck von der 'pädagogischen Front'. Manchmal jedoch machen Schüler ihre Lernerfahrungen selbsttätig, und zunehmend werden solche Unterrichtsformen gefordert und gefördert. Ein paar Glanzlichter aus dieser Kategorie in der Schulgeschichte: Im Jahre 1986 'erforschten' sich acht Untertertianer einen ersten und zwei dritte Plätze im Landeswettbewerb 'Jugend experimentiert'. Die Sieger waren Schafsläusen auf den Pelz gerückt und hatten die staunenswerte Erkenntnis gewonnen, dass die Tierchen eine sehr menschliche Eigenschaft haben: bei 37°C fühlen sie sich am wohlsten und zeigen dann die besten Leistungen (im Blutsaugen!).
Berühmt sind immer noch die Zuchterfolge unter `Mutter' Frau Timm. Nach drei Jahren Experimenten mit Hühnerküken avancierten etliche Bio-Gymnasiasten zu Enteneltern. Wenn sie sich durchs Gebäude bewegten, folgten ihnen auf Schritt und Tritt piepsende Wollknäuel, die auf Grund prägender Maßnahmen der offensichtlich irrigen Auffassung anhingen, bei den Verfolgten handele es sich um Papi oder Mami. Dergestalt wurde auch das Verantwortungsbewusstsein der beteiligten Pseudo-Eltern gestärkt, hatten sie doch für das weitere Fortkommen ihrer Kleinen zu sorgen.
Eine andere Aktivität auf naturwissenschaftlichem Felde hatte mit Radioaktivität zu tun. Herr Weiß regte Schüler an, nach der Tschernobyl-Katastrophe an tausend und einer Bodenprobe Becquerelmessungen vorzunehmen. Das Tschernobylengagement wirkt noch gegenwärtig fort.
Spieltrieb -
Die erste Spur einer Bemühung auf den weltbedeutenden Brettern hat der Chronist für das Jahr 1975 ausgemacht. Es war offensichtlich eine altrömische Bühne, denn das Stück hieß 'Fabula de Minotauro'. 1979 gab es eine Klassenaufführung einer Bearbeitung der Plautuskomödie `Die Menaechmi-Brüder', diesmal auf deutsch, aber ebenfalls eine Frucht des Lateinunterrichts.
Eine richtige Schauspiel-AG entstand erst 1989. Sie profilierte sich zunächst mit einer Boulevard-Krimikomödie `Keine Leiche ohne Lily' von J. Popplewell, ein Heidenspaß für alle aktiv und inaktiv Beteiligten mit Ausnahme des armen Inspektors Baxter, der - zudem schnupfengeplagt - sich pausenlos von der Putzfrau Lily ins Handwerk pfuschen lassen musste. Und dann behielt sie mit ihrer Tätersuche am Ende auch noch recht - es war zum Verzweifeln. Die Inszenierungen der beiden nächsten Jahre hatten wieder mehr den Hang zur Antike: 1990 'Herkules und der Stall des Augias' von Fr. Dürrenmatt, eine Persiflage auf die Macht der Bürokratie, und 1991 'Diogenes ist wieder da', eine moderne Bearbeitung des alten Schauspiels 'Diogenes redivivus' von Comenius aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Im Stück hielt der Autor durch die Gestalt des berühmten Tonnenphilosophen seinen eigenen Zeitgenossen einen Spiegel vor; nicht minder zur Kritik geeignet erwies sich die modernisierte Version, in der Diogenes standesgemäß in einem Müllcontainer hauste.
1992 weitete sich das Forum zur Rundbühne. In Pavel Kohouts Fassung der Jules-Verne'schen 'Reise um die Erde in 80 Tagen' musste das Publikum die Hälse verdrehen, um alle Schauplätze der Abenteuer des Gentleman Phileas Fogg mitzubekommen. Der Reiz lag nicht nur in der Panoramaschau, sondern auch in der Unzahl der Rollen (ca. 150), die aber alle von nur zwölf Schauspielern bestritten werden mussten.
Eine Aufführung mit ernsterem Hintergrund brachte der 12. Jahrgang des laufenden Schuljahres auf die Bühne, ein aus dem Philosophie- und Religionsunterricht hervorgegangenes Projekt: `Die Welle' (R. Tritt) schildert ein Experiment an einer amerikanischen High School, in dem die Mechanismen bloßgelegt werden, die zur Entstehung eines totalitären Staates führen. Mit den Vorstellungen ist das Projekt noch nicht zu Ende: Im Mai machen die Schüler/innen eine Reise nach Auschwitz.
Die Reihe der Darbietungen dieses Jubiläumsjahres wird ihren Abschluss finden mit der Premiere von 'Ein Phoenix zuviel' von Christopher Fry am 10.6.1996. Soweit zum Sprechtheater. Aber ein ganz wesentlicher Bestandteil der Schularbeit unseres Gymnasiums war immer das Musiktheater.
Es begann mit `Fiesta' 1982. Chor, Orchester und Solisten boten „ein theatralisch-musikalisches Vergnügen, das in frech-turbulenter und heiter-beschwingter Weise das sonderbare Schicksal des friedsamen Kampfstieres Ferdinand auf die Hörner nahm" (KN v. 26.11.1982).
Fiesta 1982 mit Hardy Schulz
Dieses Werk sollte im Januar 1991 eine Reprise erleben. Zwar waren Bühnenbildner, Regisseur und musikalischer Leiter noch immer dieselben, wenn auch um acht Jahre gealtert, die Protagonisten hingegen hatten sich merklich verjüngt. Diesmal agierten nur Quintaner auf der Bühne.
Ein schwerer Brocken war 1986 'Pollicino'. Die Märchenoper von H.W.Henze stellte höchste Ansprüche an Akteure und auch Zuschauer, und dem Chronisten will es auch heute noch wundersam erscheinen, dass das Werk nicht nur achtbar, sondern auch sehr überzeugend bewältigt wurde. Anschließend ging das Ensemble sogar noch auf Tournee - mitsamt dem Tross: im Doppeldeckerbus und per Schiff nach Helsinki, wo in der Deutschen Schule zwei Aufführungen stattfanden. Die Saison 87/88 brachte eine Mischung zwischen leichter und ernster Muse. Die satirische Revue 'Warehouse life' (Graßhoff/Seeger) kombiniert mit dem Songspiel 'Mahagonny' von Brecht/ Weill.
Im Februar 1990 fand erstmals eine Inszenierung statt, die allein von normalen Musikkursen bestritten wurde. Alle Kursmitglieder waren einbezogen, sie arbeiteten weitgehend in Eigenregie, übernahmen alle Aufgaben einschließlich äußerer Organisation und Werbung. Nach diesem Modell liefen bisher drei Projekte:
- 1990 'Hans und Grete' (M. Sievritts)
- 1993 'Megamodul' (M. Sievritts)
- 1995 'Dreigroschenoper (Brecht/Weill).
Bei dieser letzten Produktion bestach neben der imponierenden Gesamtleistung besonders das Bühnenbild. Es führte den Brecht'schen Verfremdungseffekt ins Extrem und ließ z.B. die Möbel auf der Bühne nur als Wortprojektion erscheinen.
Etwas kleiner und feiner das Kammermusical 'Die Romanticks' (T. Jones) im Jahre 1994, das mit einer Handvoll Solisten und Instrumentalisten sowie fast ohne Bühnenbild auskam.
Spiegelungen -
Beim Lesen und Durchstöbern der schulgeschichtlichen Hinterlassenschaften stößt man immer wieder auf gesellschaftliche oder politische Trends und Ereignisse, die sich in unserem Schulleben widerspiegeln.
Das dramatische Anschwellen der Schülerzahlen in den Gründungs- und Aufbaujahren hat seinen Ursprung in der enormen Neubautätigkeit nördlich des Kanals nach dem zweiten Brü-ckenbau, aber auch in dem gestiegenen Bildungswillen. Die Stadt Kiel und Landesschulamt, dazu die Schulleiter, veranstalteten damals alljährlich ein Konklave, auf dem die Schüler an die verschiedenen Gymnasien verteilt wurden. 1974 kamen in der Stadt und ihrem Umfeld 1800 Sextaner nicht an ihre Wunschschule! Parallel dazu gab es Schuleinweihungen 'am laufenden Band' (1974 im Kreisgebiet vier Schulen).
Bildungspolitische Streitfragen zeigten sich, als in Leserbriefspalten über einen Verbund der noch gar nicht vorhandenen Oberstufen unseres Gymnasiums und der IGF Friedrichsort debattiert wurde (März/April 1973 in den KN).
In der Einweihungsrede für den 2. Bauabschnitt verkündete Kultusminister Braun am 4.9.74: „Ebenso wichtig wie die Verbesserung der Arbeitsbedingungen ist der Abbau des Lehrermangels." Zu Zeiten des Schulfestes 1986 (s. oben unter 'Pflänzchenschule') waren hingegen die Sextaner so knapp geworden, dass sie in einem parodistischen Festbeitrag meistbietend ersteigert wurden. Wie es heute mit dem Lehrermangel und der Entwicklung der Schülerzahlen aussieht, braucht nicht dargestellt zu werden: tempora mutantur.
1980 beschäftigte sich der Schulleiter in seiner Abi-Rede kritisch mit den Reformentwicklungen im Bildungsbereich. Er ließ die Reihe der bildungspolitischen Neuerungen Revue passieren (Ganzheitsmethode, Mengenlehre, Studienstufe, reformierte Oberstufe) und konstatierte bereits damals eine Wiederannäherung an das alte Schulklassensystem. Die in der Reformeuphorie entstandene Gemeinschaftskunde wurde wieder in ihre Einzelbestandteile Geschichte und Erdkunde zerlegt. Vorläufiges Endergebnis heute: das neue Fach WiPo (Wirtschaft und Politik); der elfte Jahrgang wird wieder weitgehend im Klassenverband unterrichtet. Weiteres folgt ...
Einen Widerschein der Sicherheitspolitik jener Jahre findet man im Kampf der Elternvertretung und Schulleitung gegen unterrichtsstörenden Flugzeuglärm, besonders, als die Bundeswehrpiloten auf die neuen Seaking-Hubschrauber umgeschult wurden. Das Thema Kriegsdienstverweigerung spielte immer wieder eine Rolle, und noch im April 1989 (!) gab es noch eine Podiumsdiskussion über die Frage, ob der Wehrdienst verlängert werden sollte.
Als im Januar 1991 über dem Kuwait-Problem der Golfkrieg ausbrach, herrschte eine solche Betroffenheit, dass erwogen wurde, die Aufführung des heiteren Musicals `Fiesta' abzusagen. Das allerdings wäre geradezu absurd gewesen, denn die Botschaft des Stückes ist Frieden, das Lachen war jedoch den Menschen vergangen.
Die Asylproblematik der Jahre 91/92 spielte ebenfalls in die Schule hinein: Einesteils gab es, besonders von Elternseite, heftige Ablehnung der geplanten Unterbringung von Asylbewerbern auf dem Schulgelände; andererseits berührte das Akzeptanzproblem die Schüler stark, wie sich in einem Mittelstufenprojekt zum Thema zeigte. Selbst die Barschelaffäre warf einen Schatten. Die dadurch ausgelöste Vertrauenskrise versuchte die damalige Landtagspräsidentin durch ein Gespräch mit den Oberstufenschülern zu bekämpfen (5.3.1988).
Der Bosnienkonflikt hatte für das Schulleben schon eine Rolle gespielt, als die Schülerschaft während ihres Streiks eine Paketaktion zugunsten der nur von Schülern getragenen Initiative 'Schüler helfen Leben' (Mai 1994) startete. Am 9.12.1995 berichtete eine Abiturientin des Abiturjahrgangs 1995 von ihrer Tätigkeit im Rahmen der Stiftung in Mostar und beeindruckte ihre ehemaligen Mitschüler mit der Schilderung dessen, was privates Engagement erreichen kann - wie groß aber auch die Hindernisse für eine friedliche Lösung sind.
Zielgerade -
So hat der Chronist denn nun das vergangene Jahrhundert Schulgeschichte mal kontinuierlich vorwärtsschreitend, mal hin- und herspringend durchmessen und biegt in die Zielgerade ein. Indem er diese Ziellinie passiert, ist er bei den kleinen Gymnasiasten angekommen, die im August 1996 als Neuankömmlinge den Sextanertrakt mit Leben füllen werden. Als es im Februar dieses Jahres darum ging, die Eltern der zukünftigen Sextaner über unsere Schule und die Schulform zu informieren, spielte unsere Unterstufen-Theater-AG zu Beginn einen Sketch: 'Das Schlaraffengymnasium'. Nun, ein Schlaraffenland ist unsere Schule nie gewesen und wird es auch niemals sein, dennoch aber eine - wie hoffentlich auch diese Chronik gezeigt hat -, in der man es aushalten kann, eine mit Stärken und Schwächen behafte-te, eine normale, auf jeden Fall sehr lebendige Schule.
K. Wulff